Bewusstsein und Aufmerksamkeit – unentbehrlich für einen Vergleich
DoUTC324UTC11bUTCThu, 20 Nov 2008 16:02:49 +0000 20, 2008
Ein Vergleich ist ohne Bewusstsein und Aufmerksamkeit nicht möglich. Angenommen, man vergleicht zwei Bücher in Hinsicht auf deren Größe. Dann richtet man die Aufmerksamkeit auf die Größe der Bücher, nicht aber auf deren Farbe oder ähnliches. Was ist aber der Unterschied zwischen Bewusstsein und Aufmerksamkeit? Darum und um einiges Andere mehr geht es in diesem Abschnitt. Um den Unterschied zu verdeutlichen, werden die Erläuterungen an einer durchgehenden Analogie illustriert:[1]
3.3.1 Die Gesamtkapazität und der Umfang des Bewusstseins
„Gesamtkapazität“ (G) des Bewusstseins meint die Gesamtheit der Verarbeitungsressourcen, die dem Subjekt zur Verfügung stehen.[2] So wie Geld eine Ressource für ein Unternehmen ist, so ist die Gesamtkapazität eine Ressource für das vergleichende Subjekt. Diese Gesamtkapazität gilt als begrenzt und kann zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich groß sein;[3] je nach der Höhe der Gesamtkapazität kann man unterscheiden zwischen Bewusstlosigkeit (z. B. im Koma), Bewusstseinstrübung (z. B. bei Schläfrigkeit) und Bewusstseinsklarheit (z. B. bei Wachheit).[4]
„Bewusstseinsumfang“ (U) meint „die Zahl der Vorstellungen [d. h. Bewusstseinsinhalte] …, welche unser Bewusstsein gleichzeitig beherbergen kann“[5]. In einem Unternehmen entspricht dem Umfang die Anzahl der Mitarbeiter.
Dieser Umfang ist begrenzt und kann zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich groß sein. Der Umfang hängt u. a. von der zur Verfügung stehenden Gesamtkapazität ab: Je größer die Kapazität, desto größer kann der Bewusstseinsumfang sein. Denn um überhaupt bewusst zu werden, muss einem Bewusstseinsinhalt eine Mindestkapazität zuteil werden.[6] In einem Unternehmen hängt die Anzahl der Mitarbeiter ebenfalls von den zur Verfügung stehenden Ressourcen ab: Je mehr Geld zur Verfügung steht, desto mehr Mitarbeiter können eingestellt werden.
3.3.2 Kapazität, Umfang und Ausrichtung der Aufmerksamkeit
Das Vermögen, die Gesamtbewusstseinskapazität gleichmäßig oder ungleichmäßig auf den Bewusstseinsumfang zu verteilen, ist das Aufmerksamkeitsvermögen.[7] Im Falle einer ungleichmäßigen Verteilung liegt Aufmerksamkeit vor, d. h. dass einigen Bewusstseinsinhalten mehr Bewusstseinskapazität zuteil wird als anderen. Eine ungleiche Verteilung der Ressourcen ist auch in einem Unternehmen möglich: Man kann allen Mitarbeitern gleich viel Lohn zahlen oder manchen mehr, manchen weniger. Man kann – analog zum Bewusstsein – Kapazität und Umfang der Aufmerksamkeit unterscheiden:
„Aufmerksamkeitskapazität“ meint die Bewusstseinskapazität, die einem einzelnen Bewusstseinsinhalt zuteil wird. Diese Kapazität ist begrenzt und kann zu verschiedenen Zeiten verschieden hoch sein. In einem Unternehmen entspricht der Aufmerksamkeitskapazität der Lohn, der jedem einzelnen Mitarbeiter gezahlt wird. Die Höhe des Lohns ist ebenfalls begrenzt und kann schwanken.
„Aufmerksamkeitsumfang“ meint die „Zahl der „Elemente“, die in einem Moment … beachtet werden.“[8] Im Folgenden werde ich die Gesamtheit aller Bewusstseinsinhalte in zwei Klassen aufteilen: den Bewusstseinsinhalten der einen Klasse (im Folgenden: „Zentrum“) wird viel Bewusstseinskapazität zuteil, den Bewusstseinsinhalten der anderen Klasse (im Folgenden: „Peripherie“) wird wenig Bewusstseinskapazität zuteil.[9] Auch in diesem letzten Punkt gibt es eine Parallele im Unternehmen: Man kann die Mitarbeiter in zwei oder mehr Lohnklassen einteilen.
Wissenschaftliche Vergleiche erfordern eine spezifische Mindestkapazität; diese soll während einer Mindestdauer zu jeder Zeit ein Mindestmaß übersteigen. Denn andernfalls, z. B. bei Bewusstlosigkeit, können komplexe und zeitlich überdauernde Objekte nicht untersucht werden.
Wissenschaftliche Vergleiche erfordern einen spezifischen Aufmerksamkeitsumfang und eine spezifische Ausrichtung:[10] Untersuchungen sollen u. a. möglichst valide und reliabel sein. Ein genauer Umfang und eine genaue Ausrichtung des Aufmerksamkeitsumfangs auf das Untersuchungsobjekt ermöglichen eine hohe interne Validität und Reliabilität. Andernfalls, z. B. bei Ablenkung, entgeht jemandem möglicherweise eine Veränderung der unabhängigen Variable (UV). Eine Veränderung der abhängigen Variable kann dann durch die (vermeintlich) unveränderte UV nicht erklärt und ein Störeinfluss nicht ausgeschlossen werden. Voraussetzung für den genauen Umfang und die genaue Ausrichtung ist u. a. die Vermeidung äußerer und innerer Störvariablen, z. B. Lärm, Hitze; Emotionen, Strebungen etc. Durch Experimente sollen – v. a. äußere – Störvariablen reduziert bzw. kontrolliert werden.[11]
Sozialwissenschaftliche Vergleiche unterscheiden sich von Vergleichen der übrigen Wissenschaften dadurch, dass das Vergleichsobjekt, insoweit es sich um (kompetente[12]) Menschen handelt, auch sozialen Einfluss auf die zur Verfügung stehende Bewusstseinskapazität und deren Ausrichtung hat: Die Anwesenheit anderer Menschen erleichtert u. a. die Aufmerksamkeitsleistungen (social facilitation) – sowohl des Sozialwissenschaftlers als auch der Versuchspersonen.[13]
[1] Vgl. Navon, D./Gopher, D., economy, 1979, S. 214-255, die die Aufmerksamkeitsressourcen mit den Ressourcen einer Volkswirtschaft vergleichen.
[2] Zum Kapazitätsbegriff vgl. Neumann, Aufmerksamkeit, 1996, S. 569-572.
[3] Zu den verschiedenen Konzeptionen der Begrenzung vgl. Broadbent, D. E., Perception, 1958; Neisser, U., Psychologie, 1974; Kahneman, D., Attention, 1973.
[4] Vgl. Häcker, H./Stapf, K. H., Bewußtseinszustände, 1998, S. 128.
[5] Wundt, W., Grundzüge, 1880, S. 213.
[6] Vgl. Fechner, G. T., Psychophysik, 1889, S. 240-242; Wundt, W., Grundzüge, 1880, S. 215-216; vgl. auch Kapitel 6.
[7] Vgl. zu den Selektionskonzeptionen: Neumann, O., Aufmerksamkeit, 1996, S. 596-620.
[8] Vgl. Häcker, H./Stapf, K. H., Aufmerksamkeitsumfang, 1998, S. 81.
[9] Zur Zweiteilung der Gesamtheit der Bewusstseinsinhalte nach der zuteil werdenden Bewusstseinskapazität vgl. u. a. Schütz, A., Relevanz, 1971; Wundt, W., Grundzüge, 1880, S. 205. Auf die Bedeutung der Peripherie für das Konzept der Transintentionalität weist Martens hin: „Das Transintentionale ist der … Rest, der entsteht, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf irgendeinen Gegenstand richten.“ (Martens, W., Folgen, 2002, S. 18). Vgl. auch die folgende Fußnote.
[10] Im Detail: Der tatsächliche Aufmerksamkeitsumfang (U) und der für das Forschungsobjekt erforderliche Umfang (Uf) sollen deckungsgleich sein. Abweichende Ausrichtungen sind: teilweise oder vollständige Ablenkung (Uf und U haben Schnitt- oder leere Menge gemeinsam), Übersehen von Eigenschaften des Forschungsobjektes (U ist Teilmenge von Uf), mangelnde Konzentration (Uf ist Teilmenge von U).
[11] Vgl. differenzierter Zimmermann, E., Experiment, 1972, S. 61-75 und S. 185-218.
[12] Vgl. Lück, H.E., Untersuchungen, 1969.
[13] Vgl. Lück, H. E., Soziale Aktivierung, 1988, S. 694. Vgl. Zajonc, R. B., social facilitation, 1965, S. 269-274, demzufolge die Anwesenheit Anderer die Abgabe dominanter, d. h. habitualisierter, Reaktionen erleichtert; Duval, S./Wicklund, R. A., self-awareness, 1972, versuchen, die social facilitation durch die Theorie der objektiven Selbstaufmerksamkeit zu erklären. Zum Verhalten bei Anwesenheit Anderer vgl. Mann, L., Sozialpsychologie, S. 110-137.
