7.1 Klassifikation nach der Anzahl der Vergleichselemente

DoUTC324UTC11bUTCThu, 20 Nov 2008 14:49:56 +0000 20, 2008

Man kann die Gesamtheit aller Vergleiche nach der Anzahl der Vergleichselemente klassifizieren.

1. Mikrovergleich. Ein Mikrovergleich ist ein Vergleich, der die Mindestbedingungen erfüllt, unter denen ein Vergleich möglich ist: Es sind zwei Vergleichselemente gegeben, die gerade noch als gleich oder ungleich erkannt werden.[1] Beispiel: Jemand vergleicht zwei gerade noch sichtbare Sterne am Nachthimmel. Man kann zwei Arten des Mikrovergleichs unterscheiden:

Ein sequentieller Mikrovergleich ist ein Vergleich, durch den zwei nacheinander gegebene Vergleichselemente als gleich oder ungleich erkannt werden. Beispiel:  Jemand vergleicht zwei nacheinander erklingende Töne. Ein simultaner Mikrovergleich ist ein Vergleich, durch den zwei gleichzeitig gegebene Vergleichselemente als gleich oder ungleich erkannt werden. Beispiel: Jemand vergleicht einen Zweiklang.

2. Makrovergleich. Ein Makrovergleich ist ein Vergleich, der aus mindestens zwei Mikrovergleichen besteht. Beispiel: Durch einen Mikrovergleich können zwei Töne verglichen werden, nicht aber ein Dreiklang. Man kann drei Arten des Makrovergleichs unterscheiden:

Ein simultaner Makrovergleich ist ein Vergleich, der ausschließlich aus mindestens zwei gleichzeitig erfolgenden Mikrovergleichen besteht. Die Gesamtheit der simultanen Makrovergleiche kann man weiter differenzieren, allerdings muss man zunächst Folgendes berücksichtigen: Einerseits kann die exakte Anzahl der Vergleichselemente und somit auch die Anzahl der Mikrovergleiche nicht oder unter Alltagsbedingungen nur schwer ermittelt werden. Andererseits bieten sich folgende Verfahren zur groben Bestimmung der Anzahl einiger Arten von Vergleichselementen an. Die folgende Darstellung beschränkt sich jeweils auf eine sehr kurze Erläuterung.[2]

- Die Angabe der Anzahl der visuellen Vergleichselemente erfolgt durch Angabe der ungefähren relativen Größe im Gesichtsfeld.[3] Beispiel: Die Anzahl der visuellen Vergleichselemente ist bei einem  (geschriebenen) Wort geringer als bei einem Satz und bei einem Satz geringer als bei einem Text, denn es wird eine zunehmend größere Fläche des Gesichtsfeldes bedeckt. Ich werde von drei Größenklassen ausgehen: a) größer als die Reizschwelle und kleiner als der Blickpunkt („klein“), b) größer als Blickpunkt und kleiner als das Gesichtsfeld („mittel“), c) größer als das Gesichtsfeld („groß“).[4] Denn die Grenzziehung zwischen diesen Klassen orientiert sich – bei als unbewegt erscheinenden Objekten – an Unterschieden in der Vergleichbarkeit: ein kleines Objekt, z. B. ein Wort, muss gar nicht sequentiell verglichen werden; man liest das Wort auf einen Blick. Ein mittelgroßes Objekt, z. B. ein Satz, muss sequentiell verglichen werden. Zur Gesamtheit der großen Objekte zählen auch solche, die nicht mehr innerhalb der Gegenwart sequentiell verglichen werden können, z. B. ein Text.

- Die Angabe der Anzahl der gedanklichen Vergleichselemente hängt erstens davon ab, ob es sich um einen Individual- oder um einen Allgemeinbegriff handelt: Die Anzahl der einfachen Begriffe ist bei Individualbegriffen höher als bei Allgemeinbegriffen.[5] Z. B. ist die Anzahl der einfachen Begriffe beim Individualbegriff >Max Weber< höher als beim Allgemeinbegriff >Lebewesen<. Die Angabe der Anzahl hängt zweitens davon ab, ob die Beziehung zwischen Wort und Begriff eindeutig oder mehrdeutig ist: Die Anzahl der Begriffe ist bei einer mehrdeutigen Beziehung höher als bei einer eindeutigen Beziehung, z. B. kann man bei dem Wort „Tor“ an zweierlei denken: an einen Menschen oder ein Ding, bei dem Wort „Max Weber“ dagegen nur an einen Menschen.[6] Durch Kombination erhält man vier Klassen, deren Elemente sich tendenziell in der Anzahl der einfachen Begriffe unterscheiden: sehr wenig (eindeutige Beziehung zwischen Wort und Allgemeinbegriff, z. B. „10“), wenig (eindeutige Beziehung zwischen Wort und Individualbegriff, z. B. „Max Weber“), viel (mehrdeutige Beziehung zwischen Wort und Allgemeinbegriff, z. B. „Tor“), sehr viel (mehrdeutige Beziehung zwischen Wort und Individualbegriff, z. B. „Europa“: dieses Wort meint einen Kontinent oder eine Göttin).

- Für die Angabe der Intensität der Emotionen und Strebungen kann man grob drei Klassen unterscheiden: schwach (alltägliche, gedämpfte Emotions- oder Strebungsstärke), mittel (alltäglich, nicht-gedämpft), stark (nicht-alltägliche Emotions- oder Strebungsstärke, z. B. bei Lebensgefahr).[7]

Während ein Vergleich wenigstens zweier Anzahlen von Vergleichselementen einer Art wenig Probleme bereiten dürfte, ist es wohl schwieriger, die Anzahl von Vergleichselementen zweier Arten zu vergleichen. Beispiel: Das Vergleichsobjekt Text enthält mehr Vergleichselemente als das Vergleichsobjekt Satz; enthält es auch mehr Vergleichselemente als das Vergleichsobjekt starke Freude?

Ein sequentieller Makrovergleich ist ein Vergleich, der ausschließlich aus mindestens zwei nacheinander erfolgenden Mikrovergleichen besteht.[8] Beispiel: Durch einen Mikrovergleich kann man zwei nacheinander erklingende Töne vergleichen, nicht aber eine Melodie, die aus mehreren Tönen besteht.

Die Gesamtheit der sequentiellen Makrovergleiche kann man weiter differenzieren; am einfachsten nach der Dauer. Denn je mehr sequentielle Mikrovergleiche ein Makrovergleich enthält, desto länger dauert der Makrovergleich an. Ich gehe von folgenden Klassen aus: kurz (zwei unmittelbar aufeinander folgende Mikrover-gleiche), lang (mehrere innerhalb der Gegenwart liegende Mikrovergleiche), überdauernd (länger als Gegenwart).

Ein simultan-sequentieller Makrovergleich ist ein Vergleich, der aus mindestens zwei gleichzeitig und zwei nacheinander gegebenen Mikrovergleichen besteht.[9] Beispiel: Durch einen simultan-sequentiellen Makrovergleich kann man eine Symphonie vergleichen.

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[1] Die beiden Vergleichselemente können der Peripherie, dem Zentrum oder der Hinsicht angehören.

[2] Die Klasse „Nicht vorhanden“, (d. h. Anzahl = 0), wird nicht eigens aufgeführt. Auf die Bestimmungsverfahren für Gerüche, Geschmack, Wärme, etc. wird verzichtet, da diese für die folgende Reduktion nicht relevant sind.

[3] „Relative Größe“ meint die Größe des Netzhautbildes eines Objektes. „Absolute Größe“ meint die ,tatsächliche‘ Größe der Objekte, z. B. mag die absolute Größe eines Turms 50m betragen, die relative Größe des Netzhautbildes dieses Turms dagegen nur 5mm.

[4] „Blickpunkt“ meint die Größe, die innerhalb der Fovea liegt. Fovea ist die Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut.

[5] Zu einfachen Begriffen vgl. Abschnitt 4.2.1.

[6] Allerdings entspricht die Anzahl der tatsächlich gedachten Begriffe nicht immer der Anzahl der möglichen gedachten Begriffe.

[7] Da es sich bei den starken Emotionen (und Strebungen) um nicht-alltägliche, d. h. sehr seltene Emotionen handelt, erscheint die Zusammenfassung gedämpfter und nicht-gedämpfter nicht-alltäglicher Emotionen als vertretbar.

[8] Durch Makrovergleiche können zwei oder mehrere zusammengesetzte Vergleichsobjekte miteinander verglichen werden. Wie aber kann ein Ganzes mit einem eigenen Teil verglichen werden? Zu einer Zeit liegt im Aufmerksamkeitszentrum entweder das Teil oder das Ganze; nicht aber beide gleichzeitig. Ein simultaner Vergleich des Ganzen mit dem eigenen Teil ist daher nicht möglich. Möglich ist aber ein sequentieller Vergleich: zuerst liegt der Teil, dann das Ganze im Aufmerksamkeitszentrum. Oder umgekehrt. (Nicht identisch, aber ähnlich sind Problem und Lösung (hermeneutischer Zirkel) in der Hermeneutik; vgl. Gadamer, H.-G., Methode, 1975) Auch ein sequentieller Vergleich ist nur unter der Bedingung möglich, dass Teil und Ganzes in wenigstens einer Hinsicht als gleich oder ungleich erkannt werden. Beispiel: Man kann zwei Flächen in Hinsicht auf ihre Form vergleichen; nicht aber eine Fläche mit einem gerade noch wahrnehmbaren Punkt.

[9] Die Differenzierungen für den simultanen und für den sequentiellen Makrovergleich gelten auch für den simultan-sequentiellen Makrovergleich.