4.3 Das Objekt, dem Aufmerksamkeit zuteil wird
DoUTC324UTC11bUTCThu, 20 Nov 2008 15:47:30 +0000 20, 2008
In Kapitel 3 wurden zwei Aufmerksamkeitsklassen unterschieden: Zentrum und Peripherie. Im Folgenden beschränkt sich die Darstellung auf Vergleiche von Bewusstseinsinhalten, die dem Zentrum angehören. Nach der Anzahl der Sinnesdimensionen, auf deren Vergleichselemente das Aufmerksamkeitszentrum gerichtet ist, kann man drei Ausrichtungstypen unterscheiden:
1. Das Aufmerksamkeitszentrum ist auf Vergleichselemente einer Sinnesdimension gerichtet. Beispiel: Ein Klavierstimmer konzentriert sich nur auf die Tonart.
2. Das Aufmerksamkeitszentrum ist auf Vergleichselemente mehrerer Sinnesdimensionen gerichtet. Ist das Aufmerksamkeitszentrum ausschließlich auf Vergleichselemente der Sinneswelt der äußeren Sinne gerichtet, dann spricht man von „konkreten Objekten“.[1] Beispiel: Ein Apfel ist ein konkretes Vergleichsobjekt, da das Aufmerksamkeitszentrum ausschließlich auf Vergleichselemente der Außenwelt gerichtet ist. Ist das Aufmerksamkeitszentrum ausschließlich auf Vergleichselemente der Gedanken gerichtet, dann spricht man von „abstrakten Objekten“.[2] Beispiel: Der Begriff >Macht< ist ein abstraktes Objekt, da das Aufmerksamkeitszentrum ausschließlich auf Vergleichselemente der dritten Welt gerichtet ist.
3. Das Aufmerksamkeitszentrum ist auf Vergleichselemente aller Sinnesdimensionen gerichtet. Eine solche Aufteilung des Aufmerksamkeitszentrums kommt bei den meisten Menschen wohl selten vor.
Bei nichtwissenschaftlichen Vergleichen ist das Aufmerksamkeitszentrum vermutlich häufiger und länger als in den Wissenschaften auch auf nicht-visuelle und nicht-gedankliche Vergleichsobjekte gerichtet (u. a. beim Essen oder bei Freizeitaktivitäten). Bei naturwissenschaftlichen Vergleichen scheint das Aufmerksamkeitszentrum auf visuelle und gedankliche Vergleichsobjekte geradezu fixiert zu sein.[3] Sozialwissenschaftliche Vergleiche nehmen wohl eine Mittelstellung ein, da das Verstehen erfordert, das Aufmerksamkeitszentrum auch auf Emotionen und Strebungen zu richten.
Die Vergleichselemente, die innerhalb des Aufmerksamkeitszentrums liegen, sind untereinander entweder ausschließlich durch Gleichheitsrelationen oder durch Gleichheits- und Ungleichheitsrelationen oder ausschließlich durch Ungleichheitsrelationen verknüpft. Von der Art und der Anzahl der Relationen hängt ab, wie viele Objekte im Aufmerksamkeitszentrum liegen:
1. Das Aufmerksamkeitszentrum ist auf Vergleichselemente gerichtet, die ausschließlich verbunden sind durch Gleichheitsrelationen. Dann ist ein Vergleichsobjekt gegeben.[4] Beispiel: Wenn man auf einen sternenlosen Nachthimmel blicken, dann sieht man – bezüglich der Farbe – nur ein Vergleichsobjekt: nämlich das Schwarz der Dunkelheit.
2. Das Aufmerksamkeitszentrum ist auf Vergleichselemente gerichtet, die verbunden sind durch Gleichheits- und Ungleichheitsrelationen. Zwei Vergleichsobjekte sind gegeben, wenn wenigstens ein Vergleichselement gegeben ist, das in wenigstens einer Hinsicht ungleich den anderen Vergleichselementen ist. Beispiel: ein Stern am Nachthimmel. Bezüglich der Farben gibt es zwei Vergleichsobjekte: das Schwarz des Himmels und das Gelb des Sterns. Drei Vergleichsobjekte sind gegeben, wenn wenigstens zwei Vergleichselemente gegeben sind, die in wenigstens einer Hinsicht ungleich den anderen sind, etc.
3. Das Aufmerksamkeitszentrum ist auf Vergleichselemente gerichtet, die ausschließlich verbunden sind durch Ungleichheitsrelationen. Beispiel: ein Regenbogen mit dem Farbenspektrum und deren Helligkeitsabstufungen.
Im Folgenden wird angenommen, dass es bezüglich der möglichen Anzahl der Vergleichsobjekte keinen Unterschied gibt zwischen wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Vergleichen sowie zwischen sozialwissenschaftlichen und sonstigen wissenschaftlichen Vergleichen. Denn bei allen drei Vergleichen können sehr wenige oder sehr viele Vergleichsobjekte gegeben sein.
Der Umfang des Aufmerksamkeitszentrums kann unterschiedlich groß sein:[5]
1. Der Umfang des Aufmerksamkeitszentrums zählt zu einer Zeit ein Vergleichselement. Beispiel: Das Zentrum kann auf zwei gerade noch erkennbare Farbtröpfchen eines i-Tüpfelchens gerichtet sein.
2. Der Umfang des Aufmerksamkeitszentrums zählt zu einer Zeit mehrere Vergleichselemente. Dies ist der Bereich des mittleren Aggregationsniveaus. Beispiel: Beim Lesenlernen ist der Umfang der Aufmerksamkeit auf die einzelnen Buchstaben gerichtet; beim gekonnten Lesen auf mehrere Wörter; beim Überprüfen, ob ein Blatt leer oder beschrieben ist, auf das gesamte Blatt.
3. Der Umfang des Aufmerksamkeitszentrums zählt zu einer Zeit alle Vergleichselemente mit Ausnahme eines Vergleichselementes, das die Peripherie bildet. Dies ist das oberste Aggregationsniveau. Beispiel: Jemand vergleicht die Situationen unmittelbar vor und nach Verlassen eines Gebäudes: gerade eben war es u. a. dunkel, warm und still, man fühlte sich entspannt; nun ist es hell, kalt, laut und man fühlt sich weniger entspannt, da man sich nun in der Öffentlichkeit bewegt.
Vermutlich liegen die meisten nichtwissenschaftlichen und (sozial)wissenschaftlichen Vergleichsobjekte auf dem mittleren Aggregationsniveau.
2.1.1 [1] Vgl. Schischkoff, G., konkret, 1991, S. 391: „konkret (lat. „zusammengewachsen“), heißt das natürliche, sichtbar und greifbar Wirkliche, das sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort befindet.“
2.1.1 [2] Vgl. Schischkoff, G., abstrakt, 1991, S. 4: „abstrakt (lat. „abgezogen“), heißt nach allg. Sprachgebrauch alles rein Gedachte bzw. Gedankliche“. Auf den Zusammenhang zwischen Abstraktion und Aufmerksamkeitsausrichtung weist Acham, K., Abstraktion, 1971, Sp. 59, hin: Abstraktion „ist stets verbunden mit einer Fixierung von interessierenden Merkmalen durch die aktive Aufmerksamkeit“.
2.1.1 [3] Eine soziologische Erklärung bietet Elias sowohl bezüglich der Konzentration auf Gedanken (vgl. ders., Engagement, 1987) als auch bezüglich „der steigenden Bedeutung, die das Auge mit der wachsenden Affektdämpfung … erlangt“ (ders., Zivilisation, 1997, S. 416), vgl. v. a. S. 415-417.
2.1.1 [4] Vgl. Jevons, W. S., Principles, 1883, S. 156: „Number is but another name for diversity. Exact identity is unity, and with difference arises plurality.“ Und „Plurality arises when and only when we detect difference.“ (ebd.).
2.1.1 [5] Umstritten ist, wie viele Elemente zu einer Zeit gegeben sein können. Gegen die Annahme, „daß wir in einem und demselben Moment nie mehr als mit einem Inhalte beschäftigt sein können“ wendet Husserl ein, „gerade die Tatsache des beziehenden und verknüpfenden Denkens … lehrt evident die Absurdität ihrer Auffassung.“ (Beide Zitate aus: Husserl, E., Arithmetik, 1970, S. 26.) Ich gehe davon aus, dass der Umfang mehr als ein Vergleichselement umfassen kann.