4.2 Das verknüpfte Objekt
DoUTC324UTC11bUTCThu, 20 Nov 2008 15:51:50 +0000 20, 2008
Im Kapitel „Subjekt“ wurde das Synthesevermögen erläutert: Durch das simultane Synthesevermögen werden gleichzeitig gegebene Vergleichselemente verknüpft, durch das sequentielle Synthesevermögen werden nacheinander gegebene Vergleichselemente verknüpft.
Im Folgenden werden die einfachen Vergleichsobjekte (die Vergleichselemente) und dann die zusammengesetzten Vergleichsobjekte (die Vergleichskomplexe) erläutert. Es geht dabei u. a. um die Frage, welches die kleinst- bzw. größtmöglichen Vergleichsobjekte sind.
4.2.1 Einfache Vergleichsobjekte (Vergleichselemente)
Ein Vergleichsobjekt, das nicht mehr weiter zerteilt werden kann, ist ein einfaches Vergleichsobjekt. Ein Vergleichsobjekt ist einfach in Bezug auf seine Extensität und seine Intensität:[1] Extensität meint die Ausdehnung in Raum oder Zeit. In Bezug auf die Extensität gibt es einfache Vergleichsobjekte, wenn es keine kleineren oder kürzer andauernden Vergleichsobjekte gibt. Intensität meint den Grad, z. B. den Grauwert eines Buchstaben. In Bezug auf die Intensität gibt es einfache Vergleichsobjekte, wenn es keine schwächeren Vergleichsobjekte gibt.
Für jede Sinneswelt lässt sich überprüfen, ob es einfache extensive und intensive Vergleichsobjekte gibt. Der Schwerpunkt der Forschung und daher auch dieser Darstellung liegt auf Vergleichselementen der Außenwelt und der Gedanken.[2]
a. Vergleichselemente der Außenwelt. Für Objekte der Außenwelt gilt Fechner zufolge das Gesetz der Schwelle, d. h. „dass jeder Reiz wie Reizunterschied schon eine gewisse endliche Grösse erreicht haben muss, bevor die Merklichkeit desselben nur eben beginnt, d. h. bevor er eine unser Bewusstsein merklich afficierende Empfindung erzeugt“.[3] Die Extensität bzw. Intensität, ab der ein Vergleichsobjekt gerade eben dem Bewusstsein gegeben ist, nennt Fechner „Reizschwelle“. Diese Reizschwelle kann auch mithilfe von – naturwissenschaftlichen – Instrumenten nicht gesenkt werden. Beispiel: Mithilfe eines Mikroskops könne man Zellen oder Moleküle vergleichen. Dagegen spricht, dass durch ein Mikroskop die Zellen etc. nicht verglichen werden. Denn diese werden nicht vergrößert und dann verglichen, sondern sie bleiben weiterhin so klein, dass sie nicht wahrnehmbar – und somit nicht vergleichbar – sind. Verglichen wird stattdessen das sogenannte „virtuelle Bild“[4]. Original und Bild des Originals sind zweierlei, und ob diese übereinstimmen, ist durch Vergleichen nicht erkennbar.[5]
Man kann zwischen kontinuierlichen und diskreten Objekten unterscheiden. Ich gehe aufgrund der nicht absenkbaren Reizschwelle davon aus, dass die Vergleichselemente nur diskret gegeben sind, d. h. eine unendliche Teilung in vergleichbare Elemente ist nicht möglich, da die Reizschwelle die Mindestextensität bzw. -intensität der vergleichbaren Elemente markiert. Ob die Teilung der kleinsten Vergleichsobjekte auch im Bereich des nicht Vergleichbaren möglich ist, ist durch Vergleichen nicht erkennbar.
b. Vergleichselemente der Innenwelt I. Begriffe. Die Vergleichselemente des Denkens sind die Begriffe.[6] So wie ein Satz aus mehreren Wörtern besteht, so besteht ein Gedanke aus mehreren Begriffen; „man unterscheidet einfache und zusammengesetzte Begriffe, je nachdem der Begriff eines oder mehrere Merkmale enthält.“[7] Beispiel: Der Begriff >Apfel< ist ein zusammengesetzter Begriff, da er mehrere Merkmale enthält: Grünsein, Rundsein, Süß-Sauer-Geschmack etc. >Grün< ist ein einfacher Begriff, denn Grün hat nur eine Eigenschaft: Grünsein.
c. Vergleichselemente der Innenwelt II. Emotionen und Strebungen. Mir scheint plausibel, dass Fechners Schwellengesetz sich auch auf Emotionen und Strebungen anwenden lässt, d. h. dass diese bezüglich der Extensität eine Mindestdauer und bezüglich der Intensität eine Mindeststärke haben müssen. Ich nehme an, dass es bezüglich der Vergleichselemente keinen Unterschied gibt zwischen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen sowie zwischen sozialwissenschaftlichen und sonstigen wissenschaftlichen Vergleichen.
4.1.2 Zusammengesetzte Vergleichsobjekte (Vergleichskomplexe)
Vergleichselemente sind verknüpft zu zusammengesetzten Vergleichsobjekten; entweder ausschließlich durch das simultane oder ausschließlich durch das sequentielle oder durch beide Synthesevermögen.
Welche Vergleichselemente bilden eine Einheit, z. B. einen Menschen, eine Gruppe oder einen Apfel etc.? Man könnte annehmen, die Einheitsbildung hänge zum einen entweder von den Elementen (E) oder den Relationen (R); zum anderen entweder von der Quantität (n) oder der Qualität (l) ab. Durch Kombination erhält man insgesamt vier mögliche Antworten (E/n; E/l; R/n, R/l):
1. E/n: Die Anzahl der Elemente bestimmt die Einheitsbildung, denn ein zusammengesetztes Vergleichsobjekt muss mindestens aus zwei, maximal aus allen Vergleichselementen bestehen. Dagegen spricht, dass die Bestimmung der Grenzen der Einheitsbildung nicht erklärt, warum Vergleichsobjekte aus den Vergleichselementen bestehen, aus denen sie bestehen, und nicht aus anderen.
2. E/l: Die Art der Elemente bestimmt die Einheitsbildung. Beispiel: fünf Vergleichselemente eines Farbpunktes bilden eine Einheit, weil sie der gleichen Sinneswelt angehören. Dagegen spricht, dass viele Objekte, z. B. ein Apfel, aus Vergleichselementen bestehen, die mehreren Sinneswelten angehören.[8]
3. R/n: Die Anzahl der Relationen bestimmt die Einheitsbildung. Luhmann geht davon aus, dass die Anzahl der Relationen – im Verhältnis zu den Elementen – beschränkt ist.[9] Aus dieser Beschränkung ergibt sich Luhmann zufolge der Zwang, die Relationen zu selegieren, d. h. auszuwählen, welche Elemente mit welchen Elementen verknüpft werden. Dagegen spricht, dass es nicht unmöglich ist, jedes Element mit jedem Element zu verknüpfen. Die Bedingung der Möglichkeit einer solchen Verknüpfung ist lediglich, dass bei n Elementen durch das Synthesevermögen n/2 x (n-1) zweistellige Relationen gegeben sind.
4. R/l: Die Art der Relationen bestimmt die Einheitsbildung. Für Vertreter der Bündeltheorie sind Objekte Bündel aus „grundlegenderen ontologischen Elementen“[10], die durch eine Relation verknüpft sind. Bezüglich der Annahmen über die ontologischen Elemente unterscheiden sich die bündeltheoretischen Ansätze; bezüglich der Relation eint die Bündeltheoretiker die These, dass
„die einheitsstiftende Relation die sogenannte „Kopräsenz“ (compresence) oder „Koaktualität“ ist. Sie besagt, daß die Elemente, zwischen denen sie besteht, zusammen vorkommen, auftreten oder lokalisiert sind. Sie ist somit reflexiv und symmetrisch. Ob sie auch transitiv ist, hängt von weiteren Faktoren und Ausfaltungen der jeweiligen Variante der Theorie ab.“[11]
Beispiel: ein Apfel ist ein Vergleichsobjekt, das aus den grundlegenden Elementen der grünen Farbe, des süßsauren Geschmacks, der glatten Oberfläche etc. besteht. Diese Elemente sind am gleichen Ort zur gleichen Zeit gegeben, also durch Gleichheitsrelationen verknüpft. Dagegen spricht, dass durch die Relation der Gleichzeitigkeit nicht nur die Elemente des Apfels, sondern auch alle übrigen gleichzeitig gegebenen Elemente des Tisches, des Zimmers etc. verknüpft sind.[12]
Man könnte den Einwand erheben, dass die Einheitsbildung nicht ausschließlich durch eine der vier genannten Möglichkeiten, sondern durch mehrere oder alle erfolgt. Dagegen spricht folgendes Gedankenexperiment: Angenommen, man blickt auf eine große weiße Fläche, so dass das gesamte Sehfeld nur durch weiße Farbpunkte ausgefüllt ist. Zum Zeitpunkt t1 konzentriert man sich nur auf einen Punkt dieser Fläche, zum Zeitpunkt t2 betrachtet man die weiße Fläche als Ganzes. Anzahl und Art der Elemente sowie Anzahl und Art der Relationen sind zu t1 und zu t2 gleich geblieben: Die Anzahl der Elemente war zu t1 und zu t2 n Elemente (n = die Anzahl der Elemente, die das gesamte Sehfeld ausfüllt), die Art der Elemente war zu t1 und t2 gleich: nur weiße Farbpunkte. Die Anzahl der Relationen war zu t1 und t2 gleich: n/2 x (n-1) Relationen, die Art der Relationen war zu t1 und t2 gleich: nur Gleichheitsrelationen. Weder bezüglich der Elemente noch bezüglich der Relationen und weder bezüglich der Quantität noch bezüglich der Qualität fand eine Veränderung statt; also dürfte sich das Vergleichsobjekt nicht gewandelt haben. Dennoch ist das Vergleichsobjekt nicht gleich geblieben: zu t2 ist ein größeres Vergleichsobjekt gegeben als zu t1.
Im Folgenden wird daher davon ausgegangen, dass die Einheitsbildung bei allen Vergleichen – wissenschaftlichen wie nicht-wissenschaftlichen – weder von den Elementen noch den Relationen und weder von deren Quantität noch von deren Qualität abhängt. Stattdessen wird angenommen, dass die Einheitsbildung bei allen Vergleichen von der Verteilung der Aufmerksamkeitskapazität abhängt.[13]
2.1.1 [1] Vgl. Fechner, G. T., Psychophysik, 1889, S. 239; zur Kritik an der Differenzierung Extensität – Intensität vgl. Meinong, A., Webersches Gesetz, 1971, S. 232-235.
2.1.1 [2] Vgl. auch Weber, E. H., De pulsu, 1834, von Weber und Fechner abweichende Ergebnisse erzielte Stevens, S. S., law, 1961, S. 80-86.
2.1.1 [3] Fechner, G. T., Psychophysik, 1889, S. 238.
2.1.1 [4] Eichler, H.,/Kronfeldt, H.-D./Sahm, J., Grundpraktikum, 2001, S. 357.
2.1.1 [5] Vgl. Carnap, R., Naturwissenschaft, 1969, S. 225-231, der zwischen beobachtbaren und nicht-beobachtbaren Größen unterscheidet und ersteren empirische, letzteren theoretische Gesetze zuordnet.
2.1.1 [6] Vgl. de Vries, J., Begriff, 1996, S. 39: „Der Begriff ist die einfachste Form des Denkens im Gegensatz zu Urteil und Schluß, die aus Begriffen zusammengesetzte Denkgebilde sind.“
2.1.1 [7] de Vries, J., Begriff, 1996, S. 40.
2.1.1 [8] Vgl. auch die folgenden Annahmen der Bündeltheorie.
2.1.1 [9] Vgl. Luhmann, N., Systeme, 2003, S. 46: „Bei Zunahme der Zahl der Elemente, die in einem System oder für ein System als dessen Umwelt zusammengehalten werden müssen, stößt man sehr rasch an eine Schwelle, von der ab es nicht mehr möglich ist, jedes Element zu jedem anderen in Beziehung zu setzen.“ (Kursiv im Original)
2.1.1 [10] Runggalder, E./Kanzian, C., Ontologie, 1998, S. 133.
2.1.1 [11] Runggalder, E./Kanzian, C., Ontologie, 1998, S. 117.
2.1.1 [12] Vgl. Runggalder, E./Kanzian, C., Ontologie, 1998, S. 132, die auf „das Problem der Abgrenzung zwischen jenen tropes [d. h.: konkrete Elemente], die zu einem komplexen Ding, und jenen, die zu seiner Umgebung gehören“, hinweisen.
2.1.1 [13] Laut Neumann, O., Aufmerksamkeit, 1996, S. 568, diskutierte bereits Aristoteles die Integrationsfunktion der Aufmerksamkeit; eine aktuellere Konzeption stammt von Treisman, A. M./Gelade, G., attention, 1980, S. 97-136.