Die Vergleichsmethode

3.1 Wahrnehmung

DoUTC324UTC11bUTCThu, 20 Nov 2008 16:07:10 +0000 20, 2008 · 2 Kommentare

Im vorangegangenen Abschnitt wurde das Wahrnehmungsvermögen als das Vermögen definiert, Wahrnehmungen zu haben. Eine Wahrnehmung meint das „Bewußtwerden eines … Wirklich-Gegenständlichen“[1] durch die Sinne.

Die Gesamtheit des Wirklich-Gegenständlichen kann man einteilen. Kombiniert man die Merkmalsausprägungen: Materiell (M) – Immateriell (Nicht-M) und Bewusstseinsabhängig (B) – Bewusstseinsunabhängig (Nicht-B), dann erhält man vier mögliche Welten: Außenwelt (M und Nicht-B), Innenwelt (Nicht-M und B), dritte Welt (Nicht-M und Nicht-B) und vierte Welt (M und B).

Wenn man annimmt, dass jede dieser vier Welten dem Bewusstsein zugänglich ist, dann kann man vier Teilvermögen des Wahrnehmungsvermögens unterscheiden (Die vier Welten werden im nächsten Kapitel erläutert):[2]

1. Das Vermögen der äußeren Sinneswahrnehmung ermöglicht das Bewusstwerden der Außenwelt. Im weiteren Sinn zählt zur Außenwelt all das, was man sehen, tasten, hören, schmecken, riechen kann etc.; im engeren Sinn zählt zur Außenwelt all das, was räumlich und zeitlich gegliedert ist.[3]

2. Das Vermögen der inneren Selbstwahrnehmung ermöglicht das Bewusstwerden der Innenwelt. Die Innenwelt umfasst all das, was man denken, fühlen und wollen kann sowie Vorstellungsbilder, Träume etc.

3. Ein drittes und viertes Teilvermögen ermöglicht das Bewusstwerden der dritten und der vierten Welt. Ist ein spezifisches Wahrnehmungsvermögen für die dritte und vierte Welt erforderlich? Frege fordert bezüglich der dritten Welt ein solches Vermögen, das er „Denkkraft“ nennt;[4] Durkheim behauptet ein solches Erfordernis nicht.[5]

Ob die einzelnen Welten jeweils ausschließlich durch spezifische Wahrnehmungsvermögen oder auch durch ein gemeinsames Wahrnehmungsvermögen zugänglich sind, und wie im Detail diese Welten zugänglich sind, ist für das Folgende nicht relevant.

Ob zusätzlich zu den Einzelsinnen des Sehens, Hörens etc. ein Gemeinsinn existiert, ist umstritten.[6] Dieser Sinn soll u. a. die Wahrnehmung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Sinne und die Einheit komplexer Sinnesdaten ermöglichen. Beispiel: Man erkennt, dass Sehen etwas anderes ist als Hören. Diesen Unterschied kann man nicht sehen und auch nicht hören, sondern mithilfe des Gemeinsinns wahrnehmen. Im Folgenden wird davon ausgegangen, dass man solche Gemeinsamkeiten etc. wahrnehmen kann; wie dies möglich ist und ob es dafür eines Gemeinsinns bedarf, ist für das Folgende unerheblich.

wahrnehmungsvermogen-21-11-08

Das Wahrnehmungsvermögen gilt als notwendige Voraussetzung für das Erinnerungs- und das Einbildungsvermögen: Ersteres meint das Vermögen, vergangene Bewusstseinsinhalte in gleicher Reihenfolge und Form zu vergegenwärtigen; letzteres meint das Vermögen, vergangene Bewusstseinsinhalte in nicht-gleicher Reihenfolge und Form zu vergegenwärtigen, z. B. braucht man das Einbildungsvermögen, wenn man ein Buch schreibt, in dem man Erinnertes neu kombiniert.[7] Wenn man davon ausgeht, dass auf die Zukunft gerichtete Erwartungen auf dem Erinnerungs- bzw. dem Einbildungsvermögen basieren, dann ist das Wahrnehmungsvermögen auch eine Voraussetzung für Erwartungen. Beispiel: Man erinnert sich beim Begrüßen, dass bislang immer die rechte Hand gegeben wurde und erwartet daher, dass auch diesmal die rechte Hand gegeben wird.

Für wissenschaftliche Vergleiche müssen wenigstens drei Bedingungen erfüllt sein:

Erstens muss das Subjekt über das Denkvermögen verfügen, um gedankliche Objekte der dritten Welt, z. B. Hypothesen, Theorien etc. wahrzunehmen. Über dieses Vermögen müssen alle Wissenschaftler verfügen, sowohl solche der empirischen als auch solche der nicht-empirischen Wissenschaften. Dies gilt auch für Sozialwissenschaftler.

Zweitens muss das Subjekt über solche Teilvermögen verfügen, durch die der Gegenstandsbereich der Wissenschaft wahrgenommen werden kann. Der Gegenstandsbereich der nicht-empirischen Wissenschaften ist im wesentlichen auf die dritte Welt beschränkt; der Gegenstandsbereich der empirischen Wissenschaften ist Teil der Außenwelt. Je nach dem genauen Gegenstandsbereich müssen Vertreter der empirischen Wissenschaften über ein oder mehrere Teilvermögen der Außenwahrnehmung verfügen. Der Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaftler umfasst – im Unterschied zu dem der übrigen Wissenschaften – zusätzlich auch die Innenwelt, z. B. Emotionen, Strebungen.

Drittens gilt zu bestimmen, wie gut die Vermögen ausgeprägt sein müssen: Die Forderung nach Objektivität bedeutet, dass ein Subjekt mindestens über ein solch ausgeprägtes Wahrnehmungsvermögen verfügen sollte, über das auch die anderen Fachwissenschaftler verfügen, denn andernfalls ist dieses Subjekt nicht befähigt, die Aussagen der anderen zu überprüfen. Allerdings braucht das Subjekt nicht über ein Denk- oder Wahrnehmungsvermögen verfügen, das das der anderen Wissenschaftler übersteigt, denn andernfalls sind die anderen nicht in der Lage, die Aussagen des Subjekts zu überprüfen. Beispiel: Ein Musikwissenschaftler muss so gut hören können wie seine Kollegen, aber nicht besser als alle Kollegen. Ähnliches gilt auch für Sozialwissenschaftler.


[1] Schischkoff, G., Wahrnehmung, 1991, S. 766.

[2] Man kann jedes dieser Teilvermögen weiter differenzieren, z. B. kann das Vermögen der äußeren Sinneswahrnehmung unterteilt werden in die Vermögen des Sehens, Tastens etc.; vgl. Schmidt, R. F./Schaible, H.-G., Sinnesphysiologie, 2001, v. a. S. 227-387.

[3] Vgl. Locke, J., Versuch, 2000, S. 144-158, der zwischen den bewusstseinsunabhängigen primären Qualitäten (u. a. Ausdehnung, Gestalt, Bewegung) und bewusstseinsabhängigen sekundären Qualitäten (Farbe, Geruch, Ton) unterscheidet.

[4] Frege, G., Gedanke 1976, S. 50.

[5] Vgl. ders., Regeln, 1991, S. 115-128.

[6] Zur Einführung in die Diskussion vgl. Leinkauf, Th., Sensus Communis, 1974, Sp. 622-633; Dewender, Th., Sensus Communis, 1974, Sp. 634-639.

[7] Vgl. Hume, D., Traktat, 1989, S. 18-19.

Kategorien: 3.1 Wahrnehmung
Mit Tag(s) versehen: , , , , , , , , , , , , , , ,

2 Antworten bis hierher ↓

  • Billigflug // MoUTC46UTC02bUTCMon, 16 Feb 2009 14:31:36 +0000 20, 2008 um 2:31

    Hallo,

    Wahrnehmung bezeichnet im Allgemeinen den Vorgang der Sinneswahrnehmung von physikalischen Reizen aus der Außenwelt eines Lebewesens, also die bewusste und unbewusste Sammlung von Informationen eines Lebewesens über seine Sinne. Auch die so aufgenommenen und ausgewerteten Informationen werden Wahrnehmungen genannt. Diese werden laufend mit den als Teil der inneren Vorstellungswelt gespeicherten Konstrukten oder Schemata abgeglichen.

    Hat denn jeder Mensch die gleiche Wahrnehmung?
    Kann ich nicht eine Situation anders wahrnehmen als eine Person, die genau neben mir steht??
    Zum Beispiel bei einem Überfall kann ich doch Mitleid mit dem Opfer empfinden, während eine Person neben mir Wut gegenüber dem Täter empfindet.
    Sieht das Jemand anders?

    Gruß Kathrin

  • sebastianfrank // DiUTC47UTC02bUTCTue, 17 Feb 2009 18:41:53 +0000 20, 2008 um 6:41

    Hallo Kathrin,

    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben mir u. a. folgenden Abschnitt (die Einleitung des Wikipedia-Artikels zum Stichwort „Wahrnehmung“) geschickt:
    Wahrnehmung bezeichnet im Allgemeinen den Vorgang der Sinneswahrnehmung von physikalischen Reizen aus der Außenwelt eines Lebewesens, also die bewusste und unbewusste Sammlung von Informationen eines Lebewesens über seine Sinne.
    Auch die so aufgenommenen und ausgewerteten Informationen werden Wahrnehmungen genannt. Diese werden laufend mit den als Teil der inneren Vorstellungswelt gespeicherten Konstrukten oder Schemata abgeglichen.
    Ein kurzer Kommentar zu dieser Wikipedia-Definition der Wahrnehmung:
    1. Stimmt, das Wort „Wahrnehmung“ ist nicht eindeutig; man kann sowohl den Vorgang (den Wahrnehmungsprozess) als auch das Ergebnis (Wahrnehmung als Bewusstseinsinhalt im Unterschied z.B. zur Erinnerung, die ebenfalls ein Bewusstseinsinhalt ist) bezeichnen.
    2. Zum Wort „Wahrnehmung“ als Bezeichnung des Wahrnehmungsprozesses: Es ist einseitig, nur den Vorgang der Sinneswahrnehmung von Objekten der Außenwelt als „Wahrnehmung“ zu bezeichnen. Wenn man von „Außenwelt“ spricht, dann doch deshalb, weil es auch eine Innenwelt gibt, also die Welt der Emotionen, Gedanken und Strebungen (der Gegenstand der allgemeinen Psychologie, insbesondere der Emotions-, Kognitions- und Motivationspsychologie). Und diese Innenwelt kann ebenfalls wahrgenommen werden, der Vorgang dieser Wahrnehmung wird „Selbstwahrnehmung“ genannt. Wäre diese Innenwelt nicht wahrnehmbar, so würde das bedeuten, dass man keine Emotionen, Gedanken oder Strebungen hat. In der Philosophie und auch in der älteren Psychologie ist die Differenzierung der Wahrnehmung in Sinnes- und Selbstwahrnehmung (bzw. Außen- und Innenwahrnehmung) noch geläufig, z.B. bei den Empiristen (John Locke oder David Hume u. a.), Husserl oder Wilhelm Wundt. In der modernen Psychologie werden diese – und andere Differenzierungen – immer seltener vermittelt und berücksichtigt.
    3. Wahrnehmung als „bewusste und unbewusste Sammlung“ zu charakterisieren, ist falsch, denn es ist widersprüchlich zu sagen, dass die Sammlung sowohl bewusst als auch zugleich unbewusst sei. (Ist unterbewusst gemeint?)
    4. Die Definition bedient sich im Übrigen einer Terminologie, die nicht frei von fragwürdigen Metaphern und Anspielungen ist: „Sammlung“ (Überreste der Homunkulus-Theorie?), „ausgewertete Informationen“, „gespeicherte Konstrukte“ (Computer-Metapher).

    Ich teile Ihre Meinung, dass verschiedene Menschen verschiedenen Wahrnehmungen haben können.
    Falls Sie weitere Fragen haben, schreiben Sie mir einfach.

Kommentar schreiben